Dieser Tage bin ich über einen Post der Brigitte gestolpert, in dem es um körperliche Gewalt an Kindern ging. Ob wir das Ganze nun Klaps oder Schläge nennen, ist völlig egal, denn es macht im Ergebnis keinen Unterschied.
Normalerweise vermeide ich es in diesen Fällen aus purem Selbstschutz, die Kommentarleisten zu lesen, aber hin und wieder möchte ich dann schon wissen, ob die Welt sich erziehungsmässig bereits weitergedreht hat oder ob wir noch immer mal wieder in der Steinzeit rumhängen!

Das Resultat war mal wieder ernüchternd und dann würde ich gerne schreiend durch alle Kommentarspalten derartiger Posts rennen und an jede Haustür klopfen und zum Gespräch einladen, denn Menschen sind zuhauf davon überzeugt, dass es Gewalt BRAUCHE, um ein Kind zu erziehen und dass es überhaupt notwendig sei, Kinder zu disziplinieren, weil nämlich in jedem dieser Kinder ein siebenköpfiges und gefräßiges Monster wohnt, das macht was es will. Vorsätzlich, boshaft und unaufhörlich.
Und das muss man natürlich stoppen.

Sie glauben das, weil sie der hartnäckigsten und schädlichsten aller Lügen aufgesessen sind, die wir von den Generationen vor uns übernommen haben: den Glauben, dass es Strafen und Belohnungen und aktives Setzen von Grenzen brauche, um ein Kind dazu zu bringen, soziales Miteinander zu lernen und Erwartungen auch mal zu entsprechen, weil nicht jeder immer alles machen kann was er will. Mit Hilfe dieser Maßnahmen würde das Kind erst lernen was schädlich für es ist, weil man es davor bewahren müsse und ihm das Halt und Sicherheit geben würde.
All dies sei wichtig, weil Kinder damit erkennen würden, dass sie ihren Eltern wichtig sind.

Und dann muss ich ganz viel atmen, denn sie verkennen, dass sie sich damit vor allem selbst dienen. Sie wählen die Abkürzung, die gewährleistet, dass das Kind ihre Autorität nicht in Frage stellt. Den Preis der Angst, den das Kind damit zahlt, erkennen sie nicht, weil sie diese Klarheit vermeiden.

Nur damit wir uns richtig verstehen: ja, Kinder brauchen Halt und Sicherheit und können nicht immer machen worauf sie Lust haben, aber fast immer und in jedem Fall viel häufiger als wir glauben. Und ja, Kindern tut es gut, wichtiger und integrierter Teil ihrer sozialen Umgebung zu sein
Und fettes ja, Kinder brauchen unbedingt das Gefühl, dass sie ihren Eltern wichtig sind.
All das steht überhaupt nicht in Abrede.
Das Mittel ist nur falsch!

Körperliche Gewalt, Strafen ( ja und auch Belohnungen!) und das Setzen von Grenzen sind nicht dazu geeignet, diese für das Kind gewünschten Ergebnisse hervorzubringen- im Gegenteil:
Während du glaubst, das Kind lerne Einsicht, Regeln und Liebe, lernt es lediglich, was du für richtig und falsch hältst und was von ihm erwartet wird.
Es lernt außerdem, dass Strafe weh tut, denn das tut sie auch ohne körperlichen Ausdruck, weil sie Trennung vom geliebten Menschen und von sich selbst bedeutet und dass der Mensch, dem das Kind bedingungslos vertrauen sollten, in Kauf nimmt, dass es ihm durch Strafe schlecht geht – während dieser Mensch auch noch behauptet dass das gut für es sei.
Es lernt also auch noch Doppelbotschaften und damit seiner Wahrnehmung zu misstrauen.
Irgendwann lernt es dann, dass es besser ist zu beschließen, dass die Strafen ihm egal sind.
Und irgendwann behauptet es, dass sie nicht geschadet haben und dass Kinder Grenzen brauchen und Strafen dem Kind helfen, in dieser Welt zurechtzukommen
Und dann straft es seine eigenen Kinder weil es der festen Überzeugung ist, ihnen damit etwas Gutes zu tun.

Strafen verdeutlichen dem Kind seine emotionale und ohnmächtige Abhängigkeit dir gegenüber und zerstören das Vertrauen in dich, weil damit sein Bedürfnis nach Bindung in Gefahr gerät.
Um das zu vermeiden, wird es all das tun, was gewünscht wird, damit es keine Angst haben muss und sein Bedürfnis nach Bindung befriedigt bleibt.
Es verrät sich für die Nähe zu dir.
Deshalb funktionieren Strafen.
Und deshalb sind Strafen und die kleine Schwester Belohnung und das Begrenzen kein Ausdruck von Liebe zu deinem Kind.
Sie sind Ausdruck deiner Hilflosigkeit gegenüber deinem eigenen und hohen Anspruch, dein Kind gut in diese Welt zu begleiten.

Kinder brauchen keine Grenzen, sie erfahren sie.
Ganz automatisch und den ganzen Tag lang, sofern du deine Grenzen wahrnimmst und sie wahrst.
Weißt du wie natürlich begrenzt so ein Tag als Vierjährige ist?
Um die Grenzen anderer wahren zu lernen, braucht es keine Strafen- es braucht Verbindung und Empathie und Erwachsene, die in die Verantwortung der Wahrung ihrer eigenen Grenzen gehen, indem sie diese spüren und für sie einstehen. Das ist eine völlig andere Haltung, als das Kind zu begrenzen, weil es sonst zum unberechenbaren Ungeheuer mutieren könnte.
Empathie lernt nicht, wer bestraft wird. Wer bestraft wird, lernt zu überleben und zu funktionieren und kann sich Empathie nicht leisten.

Ein Kinderleben ohne Strafen bedeutet nicht ein Leben ohne Regeln, sondern gewaltfreie Kindheit.
❤️
Du kannst das.
Ist nur ein kleiner Umweg über dich.
Ein bisschen mehr Arbeit in dir aber ein echter, wahrhaftiger und ambitionierter Ausdruck von Liebe.
Break the cycle.
❤️
Wenn du dich hingegen in Momenten der Ohnmacht wiederfindest, in denen dir passiert, was du unbedingt vermeiden möchtest, nämlich dein Kind anzugreifen, du dich danach hundsmiserabel und schuldig fühlst, meld dich gern bei uns und wir finden einen Weg aus dieser Spirale oder vermitteln dir Hilfe.
Du wirst nicht verurteilt.
Du stoppst diesen Kreislauf.

Andere haben es leicht, deine Grenzen zu übertreten, wenn deine Befürchtung abgelehnt zu werden, größer ist, als deine Bereitschaft dich selbst nicht abzulehnen.

Das Wahren deiner Grenzen ist also davon abhängig, wie bereit du bist, dich der Ablehnung des anderen zu stellen.
Wie bereit du bist, dieser Ablehnung zu begegnen, ist nicht abhängig von deiner Bereitschaft zu Verteidigung, Konflikt und Kampf, sondern von deiner Bereitschaft, zu dir selbst zu stehen.
Wie bereit du bist, zu dir zu stehen, ist davon abhängig, wie wertvoll du dir selbst bist.
Wie wertvoll du dir selbst bist, ist davon abhängig, wie gut du dich spürst.
Wie gut du dich spürst, ist abhängig davon, wie groß die Sehnsucht nach dir selbst ist.
Wie groß die Sehnsucht nach dir selbst ist, entscheidest du.
Deine Entscheidung für die Sehnsucht nach dir selbst, für dein Ja zu dir und für dich, ist ein Ausdruck deiner Liebe zu dir selbst.
💛

Wie du das machst, fragst du dich?
Du machst nix.
Du lässt.
Du lässt all die Dinge und Handlungen sein, die ausdrücken, dass du dich nicht liebst:

Du versuchst nicht, andere dazu zu bringen, dich zu mögen und bleibst nicht in Situationen und Umgebungen stecken, in denen du nicht sein willst.
Du harrst nicht aus und erträgst und lässt andere nicht entscheiden was du denkst, fühlst und tust.
Du machst die Stimmen im Außen nicht zu deiner und lässt andere nicht kontrollieren, ob du dich magst.
Du lässt dir nicht erzählen, wieviel du sein darfst und wieviel zu viel ist und nimmst dir die Freiheit, dich so achtsam, respektvoll, unterstützend, versorgend, gleichwürdig und liebevoll zu behandeln, wie die Menschen die du liebst.
Du schenkst dir Jas und Neins und Morgens und Späters und all das, wonach du dich sonst noch so sehnst.

Mit deinen Grenzen schenkst du dir dich.
Denn wenn du nicht du bist, ist es niemand.
💛
Break the cycle.