Hör auf…

Jedes „hör auf“ kann deinem Ziel einer gewaltfreien Kindheit ganz schön im Weg herumstehen. Gewaltfreie Kindheit heißt nämlich nicht nur keine körperliche, emotionale oder verbale Gewalt anzuwenden, sondern auch die Seele deines Kindes zu wahren, indem du es sein lässt, wer es ist, was bedeutet, ihm die Gefühle zu lassen, die es hat.
Das musst du aushalten.
💚
Wir haben keine Veranlassung, keinen Grund, keine Möglichkeit und kein Recht, ihm diese Gefühle zu nehmen, außer uns damit vor den Gefühlen des Kindes (und damit in Wahrheit ja nur vor den eigenen Gefühlen) zu beschützen, selbst dann, wenn wir behaupten, dem Kind die Last dieser Gefühle nehmen oder es erleichtern zu wollen.

Wieso sollten wir auch unser Kind vor seinen Gefühlen beschützen müssen, außer wenn wir selbst nicht mit der Wucht der eigenen Gefühle umgehen können und im großen Bogen um sie herumschiffen?
Selbst dann, wenn wir es nicht merken?

Immer mal wieder werde ich Augen-oder Ohrenzeugin solch verzweifelter Auseinandersetzungen zwischen Eltern und Kind. So auch kürzlich auf dem Parkplatz eines Ladens. Das Kind hatte sehr schlechte Laune und hat sie lautstark zum Ausdruck gebracht und die Mutter war erschöpft.
Vielleicht hatte das Kind zum zwölften Mal in den letzten drei Tagen schlechte Laune, vielleicht hat die Mutter schon lange nicht mehr durchgeschlafen, vielleicht hat sie sich das Muttersein und das Familienleben anders vorgestellt, keine Ahnung.
Vielleicht fehlen ihr auch einfach Mittel und Möglichkeiten zu erkennen, was eigentlich gerade zwischen ihnen passiert.

Vermutlich konnte sie nicht erkennen, dass ihr immer wieder gerufenes „hör auf“ der verzweifelte Versuch war, ihre eigenen aufkeimenden Gefühle abzustellen.
Vielleicht konnte sie einfach nicht erkennen, dass „hör auf“ in Wahrheit gar nicht nur „hör auf, das zu tun, was du tust“ bedeutete, sondern etwas ganz anderes?
Hör auf, zu brauchen.
Hör auf, mir Gefühle zu machen.
Hör auf, mich zu belasten.
Hör auf, damit ich nicht hören muss, dass ich dir nicht helfen kann.
Hör auf, damit ich es nicht (er-) tragen muss, dich zu hören.
Hör auf, auf dich zu hören.
Oder einfach: „ich halt’s nicht aus“?

Und in genau diesen Momenten passiert es:
Wir reichen die selbst erlebte und tief gespeicherte Ohnmacht gegenüber unseren eigenen Gefühlen weiter.
Wir nehmen in der Sekunde des „hör auf“ in Kauf, dass das Kind seine Gefühle abstellt, um uns nicht zu belasten.
Unser inneres Warnsystem steht Kopf und fährt alles auf, um die als unbewältigt gespeicherten Gefühle nicht zu fühlen.
Gefahr bannen, Handlung sofort.
Hör auf!

Ich habe noch niemals in meinem Leben irgendjemanden getroffen, der nicht in der hintersten Ecke seiner Schatten die übergroße Angst vor der Bewältigbarkeit seiner eigenen Gefühle vor sich selbst versteckt hat. Niemand, der nicht besonders tough, besonders ängstlich, besonders umgänglich, besonders resolut, handlungsfähig, besonders irgendwas wurde, um an dieser Stelle des Inneren nie wieder vorbeizukommen.
Niemanden.

Und um das zu sichern, um weiter vermeiden und nicht fühlen zu müssen, lassen wir das Kind den Preis zahlen: es zahlt mit dem Zugang zu sich, es zahlt mit Vermeidungsstrategien, seine eigenen Gefühle nicht zu spüren, es zahlt SICH für Verbundenheit und Sicherheit.

Es hört nicht nur „hör auf, zu tun, was du tust“.
Es hört, „hör auf zu sein, wer du bist“, weil Kinder kaum unterscheiden können zwischen ihrem Wesen und ihren Handlungen.
Es hört, dass es Schuld daran trägt, wie sein erwachsenes Gegenüber sich fühlt.
Es hört, dass Gefühle offenbar so gefährlich sind, das es augenblicklich damit aufhören muss, ohne aufhören zu können.
Es hört „abstellen“ und vielleicht sogar ein „sonst..“,
Sonst geht jemand ohne mich und ich bin allein.
Sonst muss ich in mein Zimmer und werde bestraft.
Abstellen.
Sonst.

Und wofür?
Damit du nicht überfordert bist mit eigenen Gefühlen und der Ohnmacht dir selbst gegenüber, entstanden damals, als niemand um dich herum in der Lage war, dich da hindurchzubegleiten.
Das Schlimme daran ist nicht, dass wir es tun, sondern dass wir nicht bemerken, wie wir es tun, denn würden wir es merken, würden wir es nicht tun.

Dieser Kreislauf erhält sich nur deshalb, weil Überleben wollen alles sticht und dieser Prozess unbewusst abläuft.
Dein Kind bemerkt sehr schnell, wie gefährlich eine Situation für dich und damit für es ist und es wird aufhören.
Es hört auf, sich zu fühlen.
Es hört auf, weil du das brauchst.

Die hartnäckigste und schädlichste Lüge, die wir von den Generationen vor uns übernommen haben, ist also der unbewusste Glaube, den eigenen Gefühlen nicht gewachsen zu sein, entstanden aus der Erfahrung, mit den eigenen Gefühlen nicht zurechtzukommen.
Das ist weit weniger banal, als es klingt, denn diese Erfahrung wirkt fort. Auch was längst vergangen ist, lebt unter bestimmten Umständen lebendig in dir weiter. So funktioniert das Gedächtnis.
Erst aus diesen Erfahrungen entsteht also die Überzeugung, ein Kind dazu bringen zu müssen, „aufzuhören“ womit auch immer, soziales Miteinander zu lernen und Erwartungen auch mal zu entsprechen, weil nicht jeder immer alles machen kann, was er will.

Während du also glaubst, das Kind lerne Einsicht, Regeln und Liebe, lernt es lediglich, was du für richtig und falsch hältst und was von ihm erwartet wird und dass das Gefühle kosten darf.
Es lernt außerdem, dass Fühlen weh tut, andere gefährdet und vermieden werden muss, weil das Trennung vom geliebten Menschen und von sich selbst bedeuten kann.
Es lernt Ohnmacht gegenüber dir und gegenüber seinen Gefühlen und weil sich das so hässlich anfühlt, schlussfolgert es dann, dass es besser ist, nicht zu fühlen, dass Gefühle gar nicht schlimm sind oder dass Kinder Grenzen brauchen und Strafen einem Kind helfen, in dieser Welt zurechtzukommen.
Auf diese Weise erhalten wir den Kreislauf dann über Generationen.

„Hör auf, sonst-Ansagen“ verdeutlichen dem Kind seine emotionale und ohnmächtige Abhängigkeit dir gegenüber und zerstören das Vertrauen in dich, weil damit sein Bedürfnis nach Bindung in Gefahr gerät.
Um das zu vermeiden, wird es all das tun, was gewünscht wird, damit es keine Angst haben muss und sein Bedürfnis nach Bindung befriedigt bleibt.
Es verrät sich für die Nähe zu dir.
Deshalb funktionieren Strafen.
Nur deshalb funktioniert „hör auf“.

Dabei ist all das nur Ausdruck deiner Hilflosigkeit gegenüber deinem eigenen und sehr hohen Anspruch, dein Kind gut in diese Welt zu begleiten, allerdings begleitet von den Schuldgefühlen, die du selbst vor sehr langer Zeit auf diese Weise erworben hast.
Wünschst du dir also eine gewaltfreie Kindheit für dein Kind, kommst du nicht umhin, dich mit den Gefühlen auseinanderzusetzen, die du gewaltvoll in dir unterdrücken musstest.
Und vielleicht manchmal noch zu müssen glaubst.

Ein Kinderleben ohne Strafen und mit seinen und deinen Gefühlen bedeutet nicht Kontrollverlust und es bedeutet kein Leben ohne Regeln.
Es bedeutet, den Kreislauf für dein Kind zu durchbrechen, gewaltfreie Kindheit und echte Beziehung.

Es bedeutet aufzuhören, aufzuhören und dir all das zurückzuholen, was du mit einem „hör auf“ zurückgelassen hast.
❤️
Break the cycle.

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