Liebe Lehrkraft…

„Liebe Lehrkraft,

ich weiß, ich mach manchmal ganz schön viel falsch. Ich bin zu laut, manchmal zu leise, ich vergesse mein Material, ich störe deine Abläufe und halte dich auf.
An manchen Tagen kann ich meine Gefühle nicht gut kontrollieren, dann bin ich wütend, fühl mich allein, möchte gern weinen, aber das geht natürlich nicht, – weil nur Verlierer weinen, sagt Paul. Und ich will nicht der Verlierer der Klasse sein.
Ich spür sehr gut, dass ich dich manchmal nerve, du meine Sitznachbarin lieber magst als mich: sie nimmst du viel öfter dran als mich, bist irgendwie netter – aber sie vergisst ja auch die Hausaufgaben nie.
Ich weiß, du musst Unterricht machen und nicht jeder kann immer machen, was er will und dass wir das lernen müssen, aber alles geht so schnell und immer will jemand was und Mama und Papa haben gestritten heut morgen und manchmal dreht sich alles in meinem Kopf.

Würde ich schneller begreifen, würde ich besser funktionieren, wär ich nicht so langsam, so lautgrossdickdumm, so anders halt, dann würdest du mich mögen.
Wär ich nicht so falsch, dann wärst du netter und könntest mich mögen.

Aber ich bin nur wer ich bin und ich geb mein Bestes, auch wenn du das manchmal gar nicht so siehst – so wie du nur bist, wer du bist und dein Bestes gibst und du glaubst, dass das manchmal nicht reicht.
Der Unterschied ist nur, ich bin auf dich angewiesen und du nicht auf mich.
Du machst die Regeln, du wendest sie an und du setzt sie durch und wenn du ehrlich bist, dann hast auch du schlechte Tage und dann ist deine Stimme so laut und die Strafen kommen schnell. Du kannst es dann vielleicht nicht sehen, aber manche Kinder halten dann die Luft an. Ich würd mich gern für sie einsetzen, aber ich trau mich nicht.

Kannst du bitte achtsamer mit mir umgehen?

Kannst du mich bitte so behandeln, als sei ich ein Kind? Ein kleiner Mensch, noch total viel lernend, wenig wissend aber viel glaubend und mit den selben Rechten wie du?
Kannst du mich bitte behandeln wie ein Kind?
Ein kleiner Mensch, abhängig von der Beziehung zu dir, weil nur Beziehung mich davor beschützt, alleine zu sein und ich fühl mich unter allen manchmal ganz schön schlimm alleine.

Kannst du mich bitte behandeln wie ein Kind?
Ein kleiner Mensch, der darauf angewiesen ist, von dir gemocht zu sein, weil dein Blick auf mich bestimmt, wie ich mich ein Leben lang selbst sehen werde, während du mich in fünf Jahren vielleicht schon vergessen hast?

Kannst du mich bitte behandeln wie ein Kind?
Als kleinen Menschen mit dem Recht, Fehler zu machen und zwar die selben und immer wieder und mich dennoch akzeptieren, damit ich mich selbst akzeptieren kann?

Kannst du mich bitte behandeln wie ein Kind?

Weil ich ein Kind bin.“

Ein Grundschüler für viele im Jahr 2022.

Kinder können kaum unterscheiden, ob sie für ihr Tun abgelehnt werden oder für ihre Person. Das liegt daran, dass sie sich mit ihrem Tun identifizieren ( zumindest so lange, bis wir mit Sternchen und Gewitterwolken dafür sorgen, dass sie ohne Identifikation tun, was wir von ihnen wünschen). Wiederholt erfahrene Ablehnung wird damit entweder zur Selbstablehnung oder zum Protest.
Beides kostet das Kind Ressource, Potenzial und Identität und nichts davon können wir uns leisten, wenn wir unseren Kindern ein zufriedenes Leben wünschen, das ihnen entspricht und bei dem sie ihre PS auch auf die Straße bringen.
Führung entsteht aus Vertrauen und Vertrauen entsteht aus Beziehung, also bitte schaff Beziehung:

🌍 Kinder brauchen Menschen um sich herum, die bereit sind, ihre Methodik und sich selbst in Frage zu stellen, ohne dass ihr Selbstwert in Frage steht (weil das nur möglich ist, wenn die Selbstablehnung sich gut versteckt hat).
🌍 Kinder brauchen Menschen um sich herum, die bereit sind, Bewusstsein für Ursache und Wirkung in ihrem Leben und ihren Beziehungen zuzulassen und die Veränderung nicht scheuen, sondern sich Herausforderungen und einem Wertewandel stellen und dabei ganz nebenbei Ihrer persönlichen Entwicklung.
🌍 Kinder brauchen Menschen um sich herum, die sie wichtiger nehmen, als sie sich selbst, weil sie wissen, dass wahre Größe nichts mit Status und Funktion zu tun hat, sondern mit Weitsicht und Herz und weil sich Größe nur leisten kann, wer auch wirklich groß ist.

Kinder brauchen Menschen, weil sie Verbindung benötigen wie die Luft zum Atmen.
Fühlend. Verletzlich. Nah. Verlässlich.
Bitte sei du dieser Mensch.
❤️
Break the cycle.

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