Letztens hab ich in einer Gruppe die Frage einer Mutter gelesen, die sich darum sorgt, dass ihr Kind geärgert wird. Das Kind würde dann weinen und ihre Frage war, wie das Kind beim nächsten Mal besser reagieren solle.

Ich kann sehr gut nachfühlen, wie die Mutter sich gefühlt haben muss, denn Mobbing war auch mal in meiner Familie ein Thema. Der ohnmächtige Schmerz, das eigene Kind leiden zu sehen, ist beinahe unerträglich.
Was mich dann aber wirklich erschüttert hat, waren die gut gemeinten Antworten, denn sie sind Ausdruck einer gelernten Hilflosigkeit gegenüber den eigenen Gefühlen und der daraus abgeleiteten Vermeidungsstrategie: so zu handeln, dass dieser Schmerz nie wieder spürbar ist.

Der Tenor war, dass das Selbstbewusstsein des Kindes gestärkt werden müsse, DAMIT ihm das nix mehr ausmacht.
Da blutet mein Herz.
❤️
NEIN.
Bitte sorg nie dafür, dass es deinem Kind nichts mehr ausmacht, wenn es geärgert oder abgelehnt wird.
Bitte stell unbedingt sicher, dass es deinem Kind etwas ausmacht.
Und dann sorg dafür, dass es damit umzugehen lernt.
Negative Gefühle sind nichts, was es wegzumachen oder nicht zu fühlen gilt, egal wie unerträglich sie sich anfühlen mögen, nicht mal dann, wenn wir als Wegmachmittel etwas so Wunderbares wie „Selbstbewusstsein“ heranziehen.

Wobei an dieser Stelle doch mal gesagt sein will, dass Selbstewusstseinn nichts anderes ist, als das Bewusstsein für sich selbst, die eigenen Stärken und Schwächen und Haltungen, also nichts, was dabei helfen würde, dass Anfeindungen einem nichts mehr ausmachen könnten.
Was gern Selbstbewusstsein genannt wird aber eigentlich gemeint ist, ist Selbstvertrauen: das Vertrauen in sich selbst, mit den Herausforderungen des Lebens zurecht zu kommen. Wer aber Selbstvertrauen hat und sich zutraut, mit schwierigen Situationen umzugehen, der muss gar nicht mehr dafür sorgen, dass ihm das Geärgere der anderen nichts mehr ausmacht, weil er ja darauf vertraut, mit den daraus entstehenden Gefühlen umgehen zu können.
Wem es deinem Kind nichts ausmacht, von anderen geärgert zu werden, zeugt das also keinesfalls von Selbstbewusstsein. Es beweist entweder großes Selbstvertrauen in sich, damit zurecht zu kommen oder aber, dass es gut darin ist, negative Gefühle abzulehnen, weil es eben nicht davon überzeugt ist, sie bewältigen zu können.
Weil es das nicht gelernt hat.

Selbstvertrauen hilft also dabei, mit Anfeindungen umzugehen, nicht aber dabei, dass es deinem Kind nichts mehr „ausmacht“. Es muss ihm sogar etwas ausmachen, denn sonst würde es ja über keinen Funken Selbstwertgefühl verfügen und wo kein Selbstwertgefühl, da kein Selbstvertrauen.

Kurz gesagt:
fühlt sich dein Kind und fühlt sich dein Kind als Mensch wertvoll, dann MUSS es deinem Kind etwas ausmachen, geärgert, angefeindet oder abgelehnt zu werden.
Sich des eigenen Wertes bewusst zu sein und zu spüren, wann dieser verletzt wird und dann für sich einzustehen zeugt von Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen. Der Treibstoff also, der dein Kind zufrieden, weil kompetent durchs Leben bringt, weil er den Raum für Gefühle schafft.
Dafür zu sorgen, dass deinem Kind etwas „nichts ausmacht“ ist Gift für die Beziehung deines Kindes zu sich selbst, denn es ist kein Zeichen von Stärke, sondern von Schwäche.
Eine Schwäche an Gefühlen und der Wahrnehmung von Gefühlen.

Ich wünschte, alle Erwachsenen würden die Verletzungen spüren, würden sich ihrer Gefühle bewusst sein, würden weinen können, wenn jemand gemein oder verletzend war. Ich wünschte, sie würden das und sich nicht übergehen oder zum Angriff blasen, damit das Gegenüber die Verletzung auch bemerken kann, denn erst dann könnte sich das Gegenüber seiner eigenen Verletzung bewusst werden, die es so handeln lässt.

Erst wenn wir nicht mehr behaupten, dass uns etwas „nichts ausmacht“, treten wir in Beziehung zu uns selbst.
Und dann zum anderen.
Erst wenn du nicht mehr „Selbstbewusstsein“ wie Kosmetik auf die Wunde schmieren musst, sondern Authentizität, wird dein Kind lernen, dass Gefühle nichts Gefährliches sind.
Erst wenn wir nicht mehr vor Gefühlen wegrennen, als seien es neunköpfige Monster, die uns verschlingen, können wir den Panzer loswerden, der dafür sorgt, dass uns etwas „nichts ausmacht“.

Bitte bring dein Kind nicht dazu, sich diesen Panzer anzuziehen und sich nicht verletzen zu lassen.
Bitte bring es dazu, mit seiner Verletzung umgehen zu können.
Bitte lass dein Kind wissen, dass Spüren die Superkraft ist und nicht „nicht spüren“.

Lass es wissen, dass Aussagen anderer immer etwas über den anderen sagen, aber nie über es selbst und dass echte Stärke Schwäche kann.
Lass dein Kind sich schwach fühlen, damit es seine Stärke entdecken kann.
Lass sein, dein Kind vor seinen Gefühlen beschützen zu müssen.
Lass sein, dich damit selbst ein bisschen zu beschützen.

Selbstvertrauen ist der einzige Schutz vor den Stürmen, die dein Kind in seinem Leben erwarten.
Vertrauen in sich gewinnt dein Kind, wenn du ihm zutraust, sich zu vertrauen.
Dazu musst du lediglich dir selbst vertrauen und dass auch du mit allen Gefühlen umgehen kannst, die sich dir zeigen.
Sind ja deine und von dir gemacht.

Stell dich.
Dir.
Deinen Gefühlen.
Der Gefahr verletzt zu werden.
Break the cycle.

❤️

Weißt du, was mich immer mal wieder wirklich betroffen macht? Ganz gleich, ob es mir ganz privat, als Mutter von Kind 1, 2 oder 3, oder als Familiencoach begegnet?

Es ist der überlegene Erwachsene mit Feigheit, Schwäche oder Angst im Gepäck, der bewusst oder unbewusst in Kauf nimmt, die Wahrnehmung des Kindes zu täuschen.
Es ist die fehlende Integrität und innere Stärke, zu eigenen Handlungen und Aussagen zu stehen oder die nicht vorhandene Bereitschaft, hierfür in die Verantwortung zu gehen und stattdessen die Aussagen des Kindes in Frage zu stellen, und sie in der Welt des Kindes zu dehnen, zu verdrehen und zu leugnen, um irgendwie unbeschadet aus dieser Situation zu gelangen.
Um sich halt irgendwie zu beschützen.
Vor sich selbst.
Und vor all dem vor sich selbst Verstecktem.

Beispiel?
Das ist der Erwachsene, der dem Kind die Verantwortung für die eigenen Gefühle in die Hand drückt, weil es mit seinem (unerwünschten) Verhalten Gefühle der Traurigkeit oder Wut im Erwachsenen auslösen würde.
Sorry Erwachsener, deine Gefühle machst du alle selbst.

Der Erwachsene, der das fehlende Gelingen der Beziehung zum Kind in den Verantwortungsbereich des Kindes legt.
Sorry Erwachsener, du bist verantwortlich dafür, wie die Beziehung zu einem Kind sich gestaltet.

Der Erwachsene, der A sagt, aber B meint, weil A komfortabler ist und B mit (innerer) Auseinandersetzung verbunden wäre, sich aber über das Kind wundert, das sich dem Führungsanspruch des Erwachsenen entzieht und einfach nicht „hört“.
Sorry Erwachsener, es braucht deine eigene Stärke, mit der du zu dir selbst stehst, bevor dein Kind dir folgen möchte.

Der Erwachsene, der behauptet, dass das Kind seine Grenzen nicht wahrt, während er sie selbst nicht spürt. Sorry Erwachsener, für das Wahrnehmen und Wahren deiner Grenzen bist alleine du verantwortlich.

Der Erwachsene eben, der dem Kind den schwarzen Peter rüberschiebt, weil er ihn selbst nicht haben mag.
Oder kann.
Oder diese Haltung für „normal“ hält.

Eigentlich also ein sehr kindliches Verhalten.

Blöd nur für das Kind, wenn derjenige Erwachsene,der da gerade auf dem emotionalen Niveau eines Kindes daherkommt und sich schützen möchte, kraft seiner Funktion in einer überlegenen, autoritären Position ist, ja es ein klares Machtgefälle gibt.
Noch schlimmer für das Kind, wenn diese Täuschung im Deckmantel der Liebe und der Fürsorge daherkommt und es auf diese Bindung angewiesen ist und behauptet wird, all das geschehe zu seinem Besten und es brauche Strafen und es brauche Auszeiten und es müsse das jetzt lernen.
Denn dann passiert es, dass der Schmerz des Kindes keinen Raum erhält weil nicht sein darf was ist. Dann zweifelt das Kind nicht mehr nur an seiner Wahrnehmung, es trägt sogleich den Schuh der emotionalen Verantwortung für den Erwachsenen.
Wenn das was du sagst und das was dein Kind wahrnimmt, nicht übereinstimmt, so wird es immer deinen Worten glauben und nicht sich selbst.
Verdrehte Welt.

Ich glaube, dem ohnmächtigen Erwachsenen ist in Anbetracht der eigenen Angst gar nicht klar, was er da veranstaltet. Manchmal möchte ich das auch einfach so glauben.
Gar nicht klar, wie weitreichend und verheerend die Konsequenzen für das Kind und seinen Halt in seinem ganzen Leben sein werden.

Ein Kind stellt niemals den Erwachsenen in Frage.
Nein, stattdessen zweifelt es an sich und seiner eigenen Wahrnehmung.
Je jünger das Kind, desto eher wird das der Fall sein.
Es kann es sich schlicht nicht leisten, sein Gegenüber in Frage zu stellen. Je mehr es auf die Fürsorge und Bindung des Erwachsenen angewiesen ist, desto eher wird es sich und seine eigenen Gefühle verleugnen.
Dieses unbewusste Überlebensprogramm ist ein ziemlich kluges, weil das Kind so keine Ablehnung riskiert.
Ablehnung gefährdet Bindung, gefährdet Überleben.

Schlaue Sache.
Für den Moment.

Tatsächlich findet in einem solchen Moment die Trennung statt.
Die Trennung des Kindes von der eigenen Wahrnehmung, von der ureigenen Intuition, vom Wissen, was wann gut für es ist und wohin es in dieser Welt gehört.
Es ist die Trennung vom eigenen Wesenskern, von eigenen „richtig“ und „falsch“ und genau diese Trennung macht den Boden im weiteren Leben wackelig und verursacht noch mehr Orientierung im Außen, an anderen, außerhalb seiner selbst. Wo doch innerhalb des Selbsts jede Antwort zu finden wäre.

Und wieso?
Weil wir gefallen wollten.
Weil wir Angst hatten.
Weil wir irgendwie immer falsch waren.
Weil wir dachten, dass die Welt so funktioniert.

Heute weißt du es besser.
Deine Wahrnehmung hat immer recht!
Deins.
Gehört dir.
Augen auf und zurückbeordern.
Und dann steh ein.
Dafür, dass wir Kindern ihre Wahrnehmung lassen, auch wenn die uns manchmal so gar nicht schmeckt und sie uns in Frage stellt.

Sorg dafür, dass das, was du sagst und tust, übereinstimmt, mit dem, was du meinst, damit dein Kind sicher sein kann, dass ist, was es wahrnimmt und es sein darf, wer es ist, weil du das aushältst.
💚
Sei integer.
Break the cycle.

Licht erkennst du nicht als Licht, ohne dass es drumherum dunkel ist.
Groß erkennst du nur als groß, weil du weißt, was klein bedeutet.
Freude identifizierst du als Freude, weil du Trauer erfahren hast.
Dich erkennst du in deiner Ganzheit nur, wenn du dich den Teilen in dir stellst, die du (in anderen) ablehnst.
Und daher kann dein Kind nur ganz und gar sein wer es ist, wenn alles an ihm willkommen ist, weil du nichts mehr an dir ablehnen musst.

Kinder sind Meister darin, uns mit der Nase in genau die Ecken zu schubsen, in denen wir uns gar nicht gern aufhalten.
Das liegt daran, dass diese Schatten dein Kind anderenfalls dazu zwingen würden, die Teile in sich abzulehnen, die du in dir und vor dir selbst abzulehnen gelernt hast und da macht das Unterbewusstsein deines Kindes und die gute Bindung zu ihm dir einen Strich durch die Rechnung.
Also katapultiert dich die Nähe zu deinem Kind exakt dorthin, wo’s dunkel und unbequem ist und ungemachte Arbeit auf dich wartet, deren Existenz du beinahe vergessen hast.
Ganz zielsicher genau dorthin, wo deine Schatten, deine Ängste und Vermeidungsstrategien, die dich davon abhalten sollen, dich damit auseinanderzusetzen, wovor du dich wirklichwirklich fürchtest, gemeinsam herumlungern und achtsam dafür Sorge tragen, dass sie unentdeckt bleiben.
Unbewusst halt.

Und das waren wirklich nützliche Gehilfen 😊
Viele Jahre helfen sie dir schon dabei, dich vor allem und jedem zu beschützen, was oder wer dich gefährden könnte:
vorm verlassen werden, vor Nähe, vor Ablehnung, vor Grenzüberschreitung, vor Ohnmacht, vor Verantwortung, vor Scham und Schuld.
Such dir was aus.

Manchmal ist die Angst, dich all diesen dunklen Gestalten zu stellen, so groß, dass du sie gar nicht als das bemerkst, was sie ist. Sie tarnt sich dann als Wut oder als wiederkehrender Konflikt mit anderen oder als Charakterzug oder sie macht sich einfach unsichtbar.
Nur weil du sie nicht erkennst, ist sie dennoch da.

Und dann hast du ein Kind.
Näher geht nicht.
Mehr Liebe nicht vorstellbar.
Dieses perfekte Wesen stellt sich im Laufe der Zeit als eigenständiger Mensch heraus, als eigene Persönlichkeit mit eigenen, manchmal sehr herausfordernden Eigenschaften, ein Wesen auch mit Schatten.
Kleine und große Schatten.
Und manchmal gefährden diese Schatten die Tarnung deiner Schatten.
Ist ja schließlich dein Kind und eure Schatten könnten verwandt sein.

Dann kann dein Kind dich in nullkommagarnix in unbändige Wut versetzen.
Da gelingts diesem kleinen Wesen, dich in Ohnmacht und Hilflosigkeit zu katapultieren oder es schließt dich aus und macht dich zum Zuschauer seines Lebens, weil seine Entscheidungen niemals deine sind.
Die Gefühle, die das in dir verursacht, sind für dich kaum aushaltbar, die willst du nicht, die musst du schnell wieder loswerden.

Stellt sich nur die Frage, wie.
Vielleicht suchst du dann nach Erziehungsratgebern, die dir endlich Aufschluss darüber geben, warum dein Klnd deine Gremzen nicht achtet, keine eigene Motivation entwickelt oder überall aneckt.
Vielleicht suchst du dort auch nicht, sondern versuchst das Problem im Kind zu lösen, denn da taucht es ja auf. Dann wünschst du dir mehr Kooperation und du neigst vor lauter Not vielleicht dazu, so zu konditionieren, dass das unerwünschte Verhalten aufhört.
Manche Kinder können sich dieser Verantwortung dann nur noch entledigen, indem sie diagnosewürdiges Verhalten produzieren, womit dann scheinbar alle entlastet sind. Krankheit als Ursache ist leichter zu bekämpfen als es selbst und das macht die Situation für alle erträglicher.

Welche unbewusste Strategie du auch wählst, um diesen unerwünschten Schatten in dir nicht zu begegnen, du löst dein Problem nicht.
Symptomatisch auf etwas zu reagieren, löst dein Problem niemals ursächlich.
Ist einfach nicht zu Ende gedacht.
Immer wieder sie selben Mittel anzuwenden und auf ein anderes Ergebnis zu hoffen, ist nahe am Wahnsinn, sagte Einstein, so sagt man.

Und als sei es nicht genug, dass diese Wege zu nichts führen, nein, du verschlimmbesserst die Situation noch, weil dein Kind lernt (und das musst du nicht mal herbeiführen wollen, das macht dein Kind ganz alleine), dass bestimmte Anteile in ihm nicht wünschenswert sind. Jene Anteile, die in dir auslösen, was du in die dunkle Evke ausgelagert hast.
Das weiß dein Kind aber nicht.
Es spürt nur.
Alles was es spürt, ist, so darf ich sein und so lieber nicht- so bin ich liebenswert, gewünscht und sicher und so spüre ich Ablehnung, Angst und das gilt es unbedingt zu vermeiden.
Was glaubst du wohl, was es mit diesen nicht gewünschten Anteilen macht?
Genau.
Es gibt da eine dunkle Ecke…

Dein Kind bedingungslos anzunehmen, heißt nicht, mit allem was es tut, einverstanden zu sein.
Bedingungslose Akzeptanz bedeutet für dein Kind, sein zu dürfen wer es ist, ganz gleich, was das in dir auslöst.
Dein Kind ohne Bedingungen anzunehmen, bedeutet keinerlei Bedingungen an die Nähe zu dir und damit an seine Bindung zu knüpfen, von denen es sich dann irgendwann lösen muss, um es selbst sein zu dürfen.
So wie du heute.

Dazu braucht’s lediglich deine Verantwortung für deine dunklen Ecken.
Dort wartet sie schon, die Bedingungslosigkeit.
Deine.
Für dich.
So wie du bist, bist du bereits perfekt.
Du musst gar nicht lernen, dich in Gänze zu mögen, du musst dich nur erinnern.
Daran, dass du ganz sein magst.
Daran dass du sicher und frei sein kannst.
Daran, dass du dich gar nicht mehr ablehnen musst.
Daran, dass du dich nach echter Nähe sehnst.

❤️
Break the cycle.

Dein Kind ist nicht, was es tut.
Schon gar nicht an den Weihnachtstagen.

Was dein Kind tut, drückt aus, wie es ihm geht, was es braucht und was es noch lernen darf und wie es das ausdrückt, sagt etwas darüber aus, was du noch lernen darfst.
Dass es das ausdrücken kann, sagt etwas über die Qualität eurer Beziehung, denn sich daneben zu benehmen und Erwartungen nicht zu erfüllen, muss dein Kind sich erst mal leisten können.

Du bist erwachsen und trägst nicht die Verantwortung dafür, was dein Kind fühlt und was es tut, aber du trägst die Verantwortung dafür, dass es lernen kann wahrzunehmen, was es fühlt und wie es damit umgehen kann.

Also tritt einen Schritt zurück aus der Betroffenheit, dem Unverständnis und der Wut über sein Verhalten und tritt heraus aus deinen Erwartungen und ja, sogar aus deinen Wünschen.

Und dann begegne diesem kleinen Menschen in seinem Unvermögen und erkenn dein Unvermögen, das auszuhalten.
Liebe knüpft keine Bedingungen an Benehmen.
Daran kannst du dich nicht oft genug erinnern.

❤️🎄❤️

Wenn du als Kind gewusst hättest, dass nicht du falsch oder nicht genug bist, sondern deine Eltern noch zu lernen und Arbeit mit sich selbst haben – wie entlastend wäre das wohl für dich gewesen?

Du hättest dich nicht dafür verantwortlich fühlen müssen, dass es ihnen gut geht, hättest nicht durch Leistung glänzen, Fehler vermeiden und für sie sichtbar sein müssen, du hättest dich nicht unwichtig oder abgelehnt fühlen müssen, sondern die Verantwortung für ihr Befinden bei ihnen lassen können.

Sie hätten einfach noch nicht „fertig“ sein dürfen, die eigene Elterntolle dauerhaft kennenlernend, statt alles wissend und entscheidend – womit du einfach hättest sein können, wer du ohnehin warst: das Kind von Eitern, die gerade lernen, Eltern zu sein, während sie mit sich selbst noch nicht fertig sind.
Und die das im besten Fall wissen und selbstbewusst und unaufgeregt leben.

Lass dein Kind wissen, dass du zwar erwachsen bist, aber deshalb dennoch nicht alles weißt und dass auch Erwachsene noch dazu lernen dürfen.
Entlaste es, indem du verantwortlich, bemüht und führend, aber eben fehlbar bist und ihr gemeinsam wachst: an den all den Herausforderungen und Unbekannten, die sich euch so in den Weg werfen werden.

Kinder brauchen nicht nur Halt und Schutz, sondern auch Eltern, die ihre Kinder wissen lassen, dass Eltern keine fertigen Menschen mit Plan von der Welt sind, aber gerne so tun, als ob.
Entmystifizier dich, nimm deine Größe und natürliche Überlegenheit raus aus eurer Beziehung und sei bereit dich gemeinsam zu entwickeln.
Du kannst es dir leisten.

Erlaub dir Fehler. Du wirst sie sowieso machen.
Viele.
Steh dazu und wachs daran.

Zeig dich und du öffnest die Türe für echte Nähe zu deinem Kind.
❤️
Break the cycle.

Jedes „hör auf“ kann deinem Ziel einer gewaltfreien Kindheit ganz schön im Weg herumstehen. Gewaltfreie Kindheit heißt nämlich nicht nur keine körperliche, emotionale oder verbale Gewalt anzuwenden, sondern auch die Seele deines Kindes zu wahren, indem du es sein lässt, wer es ist, was bedeutet, ihm die Gefühle zu lassen, die es hat.
Das musst du aushalten.
💚
Wir haben keine Veranlassung, keinen Grund, keine Möglichkeit und kein Recht, ihm diese Gefühle zu nehmen, außer uns damit vor den Gefühlen des Kindes (und damit in Wahrheit ja nur vor den eigenen Gefühlen) zu beschützen, selbst dann, wenn wir behaupten, dem Kind die Last dieser Gefühle nehmen oder es erleichtern zu wollen.

Wieso sollten wir auch unser Kind vor seinen Gefühlen beschützen müssen, außer wenn wir selbst nicht mit der Wucht der eigenen Gefühle umgehen können und im großen Bogen um sie herumschiffen?
Selbst dann, wenn wir es nicht merken?

Immer mal wieder werde ich Augen-oder Ohrenzeugin solch verzweifelter Auseinandersetzungen zwischen Eltern und Kind. So auch kürzlich auf dem Parkplatz eines Ladens. Das Kind hatte sehr schlechte Laune und hat sie lautstark zum Ausdruck gebracht und die Mutter war erschöpft.
Vielleicht hatte das Kind zum zwölften Mal in den letzten drei Tagen schlechte Laune, vielleicht hat die Mutter schon lange nicht mehr durchgeschlafen, vielleicht hat sie sich das Muttersein und das Familienleben anders vorgestellt, keine Ahnung.
Vielleicht fehlen ihr auch einfach Mittel und Möglichkeiten zu erkennen, was eigentlich gerade zwischen ihnen passiert.

Vermutlich konnte sie nicht erkennen, dass ihr immer wieder gerufenes „hör auf“ der verzweifelte Versuch war, ihre eigenen aufkeimenden Gefühle abzustellen.
Vielleicht konnte sie einfach nicht erkennen, dass „hör auf“ in Wahrheit gar nicht nur „hör auf, das zu tun, was du tust“ bedeutete, sondern etwas ganz anderes?
Hör auf, zu brauchen.
Hör auf, mir Gefühle zu machen.
Hör auf, mich zu belasten.
Hör auf, damit ich nicht hören muss, dass ich dir nicht helfen kann.
Hör auf, damit ich es nicht (er-) tragen muss, dich zu hören.
Hör auf, auf dich zu hören.
Oder einfach: „ich halt’s nicht aus“?

Und in genau diesen Momenten passiert es:
Wir reichen die selbst erlebte und tief gespeicherte Ohnmacht gegenüber unseren eigenen Gefühlen weiter.
Wir nehmen in der Sekunde des „hör auf“ in Kauf, dass das Kind seine Gefühle abstellt, um uns nicht zu belasten.
Unser inneres Warnsystem steht Kopf und fährt alles auf, um die als unbewältigt gespeicherten Gefühle nicht zu fühlen.
Gefahr bannen, Handlung sofort.
Hör auf!

Ich habe noch niemals in meinem Leben irgendjemanden getroffen, der nicht in der hintersten Ecke seiner Schatten die übergroße Angst vor der Bewältigbarkeit seiner eigenen Gefühle vor sich selbst versteckt hat. Niemand, der nicht besonders tough, besonders ängstlich, besonders umgänglich, besonders resolut, handlungsfähig, besonders irgendwas wurde, um an dieser Stelle des Inneren nie wieder vorbeizukommen.
Niemanden.

Und um das zu sichern, um weiter vermeiden und nicht fühlen zu müssen, lassen wir das Kind den Preis zahlen: es zahlt mit dem Zugang zu sich, es zahlt mit Vermeidungsstrategien, seine eigenen Gefühle nicht zu spüren, es zahlt SICH für Verbundenheit und Sicherheit.

Es hört nicht nur „hör auf, zu tun, was du tust“.
Es hört, „hör auf zu sein, wer du bist“, weil Kinder kaum unterscheiden können zwischen ihrem Wesen und ihren Handlungen.
Es hört, dass es Schuld daran trägt, wie sein erwachsenes Gegenüber sich fühlt.
Es hört, dass Gefühle offenbar so gefährlich sind, das es augenblicklich damit aufhören muss, ohne aufhören zu können.
Es hört „abstellen“ und vielleicht sogar ein „sonst..“,
Sonst geht jemand ohne mich und ich bin allein.
Sonst muss ich in mein Zimmer und werde bestraft.
Abstellen.
Sonst.

Und wofür?
Damit du nicht überfordert bist mit eigenen Gefühlen und der Ohnmacht dir selbst gegenüber, entstanden damals, als niemand um dich herum in der Lage war, dich da hindurchzubegleiten.
Das Schlimme daran ist nicht, dass wir es tun, sondern dass wir nicht bemerken, wie wir es tun, denn würden wir es merken, würden wir es nicht tun.

Dieser Kreislauf erhält sich nur deshalb, weil Überleben wollen alles sticht und dieser Prozess unbewusst abläuft.
Dein Kind bemerkt sehr schnell, wie gefährlich eine Situation für dich und damit für es ist und es wird aufhören.
Es hört auf, sich zu fühlen.
Es hört auf, weil du das brauchst.

Die hartnäckigste und schädlichste Lüge, die wir von den Generationen vor uns übernommen haben, ist also der unbewusste Glaube, den eigenen Gefühlen nicht gewachsen zu sein, entstanden aus der Erfahrung, mit den eigenen Gefühlen nicht zurechtzukommen.
Das ist weit weniger banal, als es klingt, denn diese Erfahrung wirkt fort. Auch was längst vergangen ist, lebt unter bestimmten Umständen lebendig in dir weiter. So funktioniert das Gedächtnis.
Erst aus diesen Erfahrungen entsteht also die Überzeugung, ein Kind dazu bringen zu müssen, „aufzuhören“ womit auch immer, soziales Miteinander zu lernen und Erwartungen auch mal zu entsprechen, weil nicht jeder immer alles machen kann, was er will.

Während du also glaubst, das Kind lerne Einsicht, Regeln und Liebe, lernt es lediglich, was du für richtig und falsch hältst und was von ihm erwartet wird und dass das Gefühle kosten darf.
Es lernt außerdem, dass Fühlen weh tut, andere gefährdet und vermieden werden muss, weil das Trennung vom geliebten Menschen und von sich selbst bedeuten kann.
Es lernt Ohnmacht gegenüber dir und gegenüber seinen Gefühlen und weil sich das so hässlich anfühlt, schlussfolgert es dann, dass es besser ist, nicht zu fühlen, dass Gefühle gar nicht schlimm sind oder dass Kinder Grenzen brauchen und Strafen einem Kind helfen, in dieser Welt zurechtzukommen.
Auf diese Weise erhalten wir den Kreislauf dann über Generationen.

„Hör auf, sonst-Ansagen“ verdeutlichen dem Kind seine emotionale und ohnmächtige Abhängigkeit dir gegenüber und zerstören das Vertrauen in dich, weil damit sein Bedürfnis nach Bindung in Gefahr gerät.
Um das zu vermeiden, wird es all das tun, was gewünscht wird, damit es keine Angst haben muss und sein Bedürfnis nach Bindung befriedigt bleibt.
Es verrät sich für die Nähe zu dir.
Deshalb funktionieren Strafen.
Nur deshalb funktioniert „hör auf“.

Dabei ist all das nur Ausdruck deiner Hilflosigkeit gegenüber deinem eigenen und sehr hohen Anspruch, dein Kind gut in diese Welt zu begleiten, allerdings begleitet von den Schuldgefühlen, die du selbst vor sehr langer Zeit auf diese Weise erworben hast.
Wünschst du dir also eine gewaltfreie Kindheit für dein Kind, kommst du nicht umhin, dich mit den Gefühlen auseinanderzusetzen, die du gewaltvoll in dir unterdrücken musstest.
Und vielleicht manchmal noch zu müssen glaubst.

Ein Kinderleben ohne Strafen und mit seinen und deinen Gefühlen bedeutet nicht Kontrollverlust und es bedeutet kein Leben ohne Regeln.
Es bedeutet, den Kreislauf für dein Kind zu durchbrechen, gewaltfreie Kindheit und echte Beziehung.

Es bedeutet aufzuhören, aufzuhören und dir all das zurückzuholen, was du mit einem „hör auf“ zurückgelassen hast.
❤️
Break the cycle.