Hineinpassen…

Von einer Kinder-und Jugendpsychologin wurde ich mal nach der Meinung zu einem Artikel gefragt. Darin ging es um einen mittlerweile dreizehnjährigen Jungen, der schon als Kleinkind „anders“ war.
Anders als seine Geschwister, anders als Eltern und Pädagogen um ihn herum ihn sich gewünscht hätten, zu anders, als dass die Strategien der Menschen um ihn herum zu ihm gepasst hätten: wütender, sensibler, unbeugsamer.

So anders, dass er auch mal fixiert wurde um ihn „in seine Ruhe“ zu bringen, so anders, dass alles an Diagnostik aufgefahren wurde, was das Verhalten erklären würde, ohne dass jemals eine Diagnose für die Beteiligten dabei heraussprang.
So anders, als dass der Mutter nach Jahren des Kampfes, des seine Hausaufgaben mit ihrer linken Hand Erledigens und unzähliger Gespräche mit Ärzten, Psychologen und Therapeuten, nichts übrig blieb, als ihr Kind zu akzeptieren wie es ist.
Anders.
Mehr brauchend.
Mehr Rückzug, mehr Stille, mehr Gespräch statt Ansprache, mehr Vertrauen statt Kampf.
Mehr Halt und Schutz und Freiheit – gleichzeitig und unvorhersehbar.
Mehr Bedingungslosigkeit und mehr Akzeptanz.
Mehr JA zur Herausforderung.
Mehr Strategie, weniger Ohnmacht halt.

Das Resümee des Textes war, dass manche Kinder eben nicht ins System passen und die Gesellschaft das bitte zu akzeptieren habe und da bin ich ja mal wirklich im Dreieck gehüpft.
Weil das leider so nah an der Realität dessen ist, was viele glauben.
Ganz viele Menschen glauben auch, ein Kind müsse sich dem System anpassen, müsse Regeln einhalten, die eigenen Bedürfnisse der Gemeinschaft unterordnen und hineinpassen.
Und viele Menschen glauben, das System sei überholt, die Kinder würden verknechtet, sie würden sich verlieren und sie dürften nicht ans System verloren gehen.
Und beides alleine ist Käse.

Weder muss ein Kind in dieses System gepresst werden, um ein wertvoller Bestandteil der Gesellschaft zu sein, noch muss eine Gesellschaft akzeptieren, dass ein Kind keinen Platz in ihr finden wird oder will.
Im Gegenteil – es ist Aufgabe einer Gesellschaft und damit Aufgabe eines jeden Einzelnen, diesen Kindern Platz zu geben.
Das.Kind.möchte.diesen.Platz.
Eben und gerade weil es das Gegenteil ausdrückt.
Es ist ein emotionales Grundbedürfnis eines jeden Menschen, Teil einer Gemeinschaft zu sein – in früheren Zeiten galt es als sicherer Tod, vom Clan verstoßen zu sein. Das prägt unsere Zellen.

Kinder möchten dazugehören. Sogar dann, wenn sie dafür Hausaufgaben machen oder ihre Wünsche mal zurückstellen müssen, weil die Regeln einer Gemeinschaft das gerade erforderlich machen.
Und das können Kinder auch.
Sofern sie es gelernt haben.
Wenn sie allerdings einen erheblichen emotionalen Mangel mit sich herumtragen, weil sie sich nicht bedingungslos gesehen, gehalten und akzeptiert fühlen, dann können Kinder mit entsprechender innerer Stärke und Konstitution, diesen Mangel sehr deutlich sichtbar werden lassen. Die Wut darüber hilft ihnen, nicht aufzuhören, danach zu schreien.
Was für ein Glück!

Kinder, die sich so wenig integrieren können, haben in sich selbst keinen Platz- sie können lediglich laut und ohnmächtig darauf hinweisen, dass Integration nicht möglich ist, weil sie doch gar nicht wissen, wen sie da integrieren, dass ihre Angst, auch noch den letzten spürbaren Zipfel ihrer Identität zu verlieren, wenn sie sich nun auch noch für andere anpassen, einfach nicht auszuhalten ist.
Weil sie sich dann auflösen würden.
Weil ihr anderes emotionales Grundbedürfnis, nach Selbstausdruck stärker ist, weil es mehr in Not ist, als ihr Bedürfnis sicher zu sein und dazuzugehören.
Was für ein Dilemma für das Kind.
Und wir machen es uns leicht und behaupten, dass nun mal nicht jeder ins System passt, während wir verkennen, dass wir alle diese Einzigartigeit und Andersartigkeit in uns tragen und nur mehr oder weniger gut gelernt haben, diese Seite in uns nicht zu leben, damit wir nicht aus dem System plumpsen?

Verlustreiche Erfahrungen also, wenn wir unser Kind nicht begleiten können, es selbst zu bleiben UND im System zurecht zu kommen und, setzen wir noch einen drauf, wenn es uns nicht gelingt, FÜR die Einzigartigkeit akzeptiert zu sein.
Dieser Verlauf liegt im Bereich des Wahrscheinlichen und begegnet mir täglich, wenn nicht bewusst ist, dass Individualität und Zugehörigkeit keine entweder-oder-Fragestellung ist, sondern eine sowohl-als-auch-Antwort und dass wir alle dieses System sind.
Akzeptanz beginnt in dir.

Viel früher hätte diese Mutter ursächliche Hilfe gebraucht. Jemanden, der sie dabei unterstützt, ihr Kind zu akzeptieren, als der Mensch der es ist. Es hätte all das Ziehen und Zerren nicht gebraucht, das nur dazu diente, die Angst der Mutter vor Ablehnung, vorm „nicht dazugehören“ zu vermeiden.
Hätte sie Unterstützung dabei gehabt, sich ihrer eigentlichen Herauaforderung, nämlich ihrer fehlenden Selbstakzeptanz, zu stellen, wäre es ein Leichtes für sie gewesen, das Verhalten ihres Kindes nicht nur als anstrengend, sondern auch als bedrohlich wahrzunehmen und das Kind hätte seine oppositionelle Geundhaltung nicht mehr gebraucht.
Das Kind bedrohte ihre eigene Vermeidungshaltung gegenüber ihren eigenen Ängsten.
Und ja, viele Menschen bekämpfen das lieber im Außen, in dem Fall dem Kind, als sich den eigenen Schatten zu stellen.
Den Preis zahlt immer das Kind und das Elternteil mit Schuldgefühl, wo keine Schuld ist.

Viel früher hätte jemand erkennen müssen, dass dieses Kind dieses System, so wie es ist, nicht akzeptieren kann und niemals wird und dass wir es uns nicht leisten können, diese kraftvollen und wertvollen und klugen Menschlein unserer Gesellschaft zu verlieren und sie zum Außenseiter zu stigmatisieren, zum Systemsprenger.

Viel früher hätte jemand bemerken müssen, dass entweder ‚dazugehören und dafür sich selbst zu verlieren‘ oder ‚das System zu
sprengen, aber sich wenigstens selbst treu zu bleiben‘, keine Alternativen sind, sondern dass beides gehen muss und kann.
Nebeneinander.

Jedes Kind kann seinen Platz in dieser Gesellschaft finden, ganz ohne hineinzupassen.
Dazu braucht es „nur“ diese passende und klare Haltung und das Bewusstsein dieser Gratwanderung.
Dazu muss es nur wissen, wer es ist und wie es mit sich und der Welt und den Menschen in dieser Welt umgeht.
Dazu muss es nur die passenden Strategien lernen, die du idealerweise bereits lebst, um mit dir in Akzeptanz und mit den Menschen in deiner Welt umzugehen.
Dazu musst du nur wissen, wer du bist und wie du mit dir umgehst: mit Konflikten, mit Gefühlen, mit Erwartungen, mit Hoffnungen, mit der Liebe zu diesem kleinen Menschen.
Dazu musst du dich nur von den Bedingungen lösen, die an deine Bindung und deinen Schutz geknüpft wurden.

Du passt so viel besser, wenn du nicht passen musst.

Erst dann kannst du dein Kind sehen, als das Wesen, das es ist und nicht doch lieber an manchen Stellen sein sollte.
Ein eigenständiger kleiner Mensch, mit eigenen Ecken und Kanten, von denen manche passen und andere niemals passen werden, dir oder den anderen, von denen aber keine Kante dich jemals bedrohen wird, weil du dich längst kennst und nicht fürchtest, was andere davon halten.
Kommst du an deine Grenzen, musst du dein Repertoire erweitern.

Das ist der Weg durch die Mitte.
Ein Kind, das sich selbst gehört und das dennoch wertvoller Teil der Gesellschaft ist, die es ohnehin neu gestalten wird – weil du ihm die Mittel gegeben hast, es selbst zu sein UND im bestehenden Konzept zurecht zu kommen.

Es ist nur eine Erwartung, dass du passt, dabei passt du so viel besser, wenn du nicht passen willst, sondern passend bist.
Für. Dich. Selbst.

❤️
Break the cycle.

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